Verfasst von: drampf | Oktober 6, 2009

0,75 Quadratmeter / Person – dafür aber im Paradies

Bogotá, el 6 de octubre

Als nach nur 78 Minuten bereits erneut das Sitzgurtzeichen aufblinkte und sich die Boeing langsam senkte, musste ich an die 24 Busstunden denken, die ich mir in diesem Flugzeug erspart hatte. Für einen echten Schnäppchenpreis (wahrscheinlich sogar billiger als der Bus) tauschte ich den serpentinenreichen Abstieg von der Ostkordilliere, die heiße Durchquerung des Magdalena-Tals, den mühsamen Aufstieg zur Zentralkordilliere und die endlosen, immergleichen Stunden in der Küstensavanne gegen einen gemütlichen Tag in meinem so lieb gewonnenen Cartagena ein. Diesmal wieder ohne staatlich gesicherten Whirlpool auf dem Dach und Spesenfond im Rücken checkte ich, wie schon bei den ersten beiden Cartagena-Besuchen, im (Jessi möge es mir verzeihen) „Nutten-und-Drogen-Viertel“ ein und genoss das einzigartige Ambiente der Stadt, die milde, nächtliche Hitze und ein kühles Bier auf der Stadtmauer. Das alte Handwerkerviertel, das sich hinter Jessis liebevoller Umschreibung verbirgt, begeisterte dabei einmal mehr mit seiner gelebten karibischen Kultur: Während aus benahe jedem der bunt angestrichenen Kolonialhäuschen der unverwechselbare Monosound der Salsa, Cumbia oder Merengue ertönt, treffen sich die Einwohner nachts laut lachend und gemächlich auf ihren Schaukelstühlen wippend auf den kleinen Straßen, spielen Domino, rauchen eine Zigarre und schreien im Stile einer italienischen Matrone zum Nachbarn hinüber, um sich nach dem Wohlergehen der Nicht-Zuhausegebliebenen zu erkundigen. Würde mich jemand nach dem charakteristischsten Merkmal der Karibik fragen, würde ich ihm genau diese Szenerie beschreiben.

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Meerschweine

Mit drei deutschen Romanen, die ich durch eine glückliche Fügung in den Second Hand-Buchbretterbuden in Cartagena entdeckt hatte, und etwas Wehmut im Gepäck, ging es im Anschluss rund drei Stunden nach Süden, um vom kleinen Küstenörtchen Tolú und mit Kollaboration der hiesigen Fischer nach weiteren Charakteristika zu suchen. Für umgerechnet zehn Euro nahm mich am nächsten Tag schließlich ein Schnellboot auf das angepeilte Archipel San Bernardo ( http://ecoeducar.com/Images/archipielago.jpg ) mit und, und darum ging es ja, versprach mich auf einer der etwa 20 kleinen Inseln für die nächsten Nächte auszusetzen. Obwohl die meisten der Eilande dabei vollgepackt sind mit 5-Sternehotels oder Privatanwesen reicher Kolumbianer, fand ich dennoch schnell ein winziges zivilbewohntes Paradies – Mucura. Täglicher Touristeneinfall von 11 bis 3 Uhr an Strand 1, sieben stationierte Marinesoldaten, einige im Salzwasser spielende Hausschweine, ein kleines Siedlungsgebiet und verdammt viel Ruhe. Nach nur fünf Minuten durch die Mangroven, lässt man die Tagestouris hinter sich, durchquert noch schnell das kleine Bretterdörfchen und zwei Knoten später hängt man mit seiner Hängematte im Tropenparadies. Was in deutschen Katalogen für über 1000 Euro angepriesen wird, bekommt man in Kolumbien für zehn Euro Anfahrtskosten.

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In den nächsten fünf Tagen feierte ich so meinen Abschied von diesem wunderbaren Land. Die wenigen Einwohner wurden schnell zu Freunden, die Marinesoldaten schauten jeden Morgen nach meinem Wohlergehen und Juan, der Inselrastafari kam allabendlich auf einen kleinen Philosophie-Zirkel an meiner Hängematte vorbei. Immer breit grinsend erklärte er mir dabei, wie er mit Korallen und ihren „Polymeren“ (ohne ein Experte in diesen Sachen zu sein, denke ich doch, dass er da bei der Wortfindung im Drogenrausch einige Seiten im Duden übersprungen haben muss) über die Probleme der Menschheit debattiert. Eben diese fundamentalen Probleme beschränken sich auf Mucura vor allem auf, „wie bekomme ich den Tag rum“. Man sitzt von morgens bis abends vor dem Haus, schaut zu, wie das kristallklare und azurblaue Meer langsam immer mehr Korallenkalksteinbrocken aus dem eigenen Lebensraum bricht, um der Insel so etwa vier Quadratmeter pro Jahr abzulutschen, und wartet bis die ausgelegten Netze mit genügend Nahrung für das Abendessen gefühlt sind. Ganz wie in den klischeebehafteten Dokus über Jamaika, zieht sich dabei stets ein breites Grinsen von einem Ohr zum anderen, was auf Mucura wohl weniger an den konsumierten Kräuterchen, als an dem Kuriositätenkabinett am Horizont liegen mag. Ruhig im warmen Wasser treibend, lässt schon ein kleiner Blick gen Osten jegliche Tristes verschwinden. Zwischen Mucura und der größeren Insel Titipan fällt der Blick nämlich  auf die absurdeste Sache, die ich im, an Kuriositäten nicht gerade armen Südamerika vor die Linse bekommen habe. Auf nur 1200 Quadratmeter, beheimatet Santa Cruz del Islote ganze 1600 Einwohner ( http://ecoeducar.com/Images/santa_cruz_del_islote.jpg ). Von weitem betrachtet, drängt sich automatisch der Vergleich mit Waterworld auf – steht man aber schließlich auf der „Hauptstraße“ der Archileshauptstadt, die sich mit einer beeindruckenden Breite von zwei bis drei Metern durch das Eiland zieht, fällt es jedoch unmittelbar und aufgrund des unglaublichen Lärmpegels, hervorgerufen von rund 400, um einen herumtanzenden Kindern, schwer überhaupt noch einen anderen Gedanken als „OHH mein Gott“ zu fassen. Auf die Frage, wieso sich all diese Leute auf diesen kleinen Felsen drängen, und dies schon seit 303 Jahren, bekommt man stets die Antwort „Das ist die Hauptstadt. Jeder will in der Hauptstadt wohnen“ – einleuchtend, zumindest wenn man mit Polymeren im Dialog steht.

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Ich für meinen Teil traf stets pünktlich um 10 Uhr zu meiner Sprechstunde am Touristenstrand ein, setzte mich auf meinen, für mich reservierten Plastiksessel und lass meine Bücher. Nicht selten kamen auch Mitbewohner, um sich mit der weis(s)en Eminenz zu unterhalten oder, und dies war wirklich unglaublich, die Ankunft eines anderen Deutschen zu verkünden. „David, da kam einer an, der dich sucht…“. Auf irgendeiner Party einmal kurz von meinem Aussteigerplan erzählt, und schon steht ein Hamburger Kumpel mit seiner Hängematte über der Schulter und, den Blick auf Islote gerichtet, einem breiten Grinsen im Gesicht vor mir – die Welt kann so klein sein.

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Juan und Chris

Flächendeckend verstochen, dafür aber braungebrannt und, vor allem mit der Erinnerung an Islote, glücklich, bin ich nun wieder in Bogotá eingetroffen, kaufe noch immer Mitbringsel, hetze noch immer von einer Verabschiedung zur nächsten und versuche mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass ich bereits am Samstag wieder im kalten oktobergeplagten Deutschland sitze. Bis die Tage dann…

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The End

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Verfasst von: drampf | September 25, 2009

Platzfüllende Bilder

Bogotá, 25. de Septiembre

Wie schon so oft, nun also wieder ein Endspurt – eilig noch Andenken kaufen, Leute besuchen, Kontakte für den Kongress zusammenfassen und Brennholzberge abarbeiten. Bevor es am Samstag zu einem letzten kleinen Trip an die Karibikküste geht, um die von Bogotá ausgeblichene Haut anzusenken und die müden Glieder in einer Hängematte auf dem San Bernardo-Archipel auszustrecken, hier also noch einmal ein neuer Blog-Eintrag. Dabei könnte man fast meinen, es sei Zeit für ein Resümee, wobei ich zugegebenermaßen auf dieses keine große Lust habe. Aus diesem Grund, und weil es nach 15 Monaten immer schwerer fällt an dieser Stelle Kuriositäten zu dokumentieren (für mich ist Lateinamerika inzwischen zur wunderbaren Normalität geworden), an dieser Stelle nur ein paar Bilder. Über die auto-neokolonialisierende Art der Latinos, darüber dass Menschen hier doch noch tatsächlich als effektiver und billiger als Maschinen gelten und die vielen, meist tannengrünen Formen hier Geld zu machen, können wir uns dann ja gerne mal bei einem Bier (auf eure Kosten) austauschen.

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Wunderbares Arbeitsumfeld – das Einzige was hier im Kongress schief hängt, ist das Bild an der Wand. Als Abschluss meines Praktikums wurde ich von meinen Kollegen und Büronachbarn zum Essen ausgeführt. Hinter der freudig angepriesenen deutschen Mittagsplatte verbarg sich allerdings vielmehr eine weitere Bandeja Paisa – diesmal mit Wienerchen und Sauerkrautbeilage.

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Endspurt beinhaltet auch eine nicht endenwollende Liste an Besucher, die auf ein paar Bier und ein Kaminfeuerchen vorbeischauen. Hier zwei Kollegen aus dem Kongress.

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Verfasst von: drampf | September 15, 2009

Geisterfahren auf chicen Parkways

Bogotá, el 14 de Septiembre

Und während sich der große Führer langsam von seiner Schweingrippe-Attacke erholt, nun rast seine gepanzerte Kolonne mit Motorrädern, zehn abgedunkelten Jeeps und dem berühmten Krankenwagen endlich wieder durch die engen Altstadtstraßen, redet in Kolumbien so gut wie keiner mehr über das Referendum und den damit verbunden abermaligen Verfassungsbruch. Hierbei ist es gerade für Politologen unglaublich interessant zu beobachten, wie eine oligarchisch schattierte Gesellschaft es vermag, von wirklich wichtigen Themen abzulenken. Viel wichtiger im Moment, das suggerieren zumindest die großen Massenmedien, ist es dabei, auf die Straße zu gehen und gegen Staatschefs aus  anderen Ländern zu demonstrieren, in unserem Fall ironischer Weise der so „verfassungswidrige und diktatorische“ Chavez, und sich ganz nach Carl Schmitt mit Hilfe eines äußeren Feindes auf die nationale Zusammengehörigkeit einzutrommeln. Aber lassen wir die Politikanalysen beiseite, über diese, den Besuch des französischen Botschafters / Sonnenkönig und den der GTZ-Delegation spreche ich gerne in vier Wochen in Deutschland mit interessierten Zeitgenossen, und konzentrieren wir uns auf sonnigere Themen.

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Um den nunmehr immer näher rückenden Abzug der Mainzer-Delegation zu gedenken, packten mein Kommilitone Philipp und ich einige kolumbianische Freunde, Freundinnen und die spärlichen Überbleibsel der, von diesen freundlich als Europäische Union titulierten Austauschstudentengruppe des ersten Semesters ein und bezogen übers Wochenende die kleine Finca einer Freundin im heißen Girardot. Nur drei Stunden südlich von Bogota am Magdalena gelegen, brennt einem dort, bei kühlem Bier und Rum im Pool treibend, die Sonne Löcher in die Haut. Obwohl das Magdalena-Tal nun wirklich das Heißeste ist, was ich in meinem Leben an meinen europäischen, trotz Klimawandel nicht gerade Sonnenverwöhnten Körper gelassen habe, scheint Girardot doch das angesagteste Wochenendziel der besitzenden Bogotá-Bürgerschaft zu sein. In einer riesigen, hermetisch abgeriegelten, heilen Welt, mit Golfplatz, Tennisstadien und See, guppieren sich so hunderte von pompösen Villen, schwitzende Bogotaner, die endlich ihren Reichtum in Form von teuren deutschen Autos in der Auffahrt zur Schau stellen können, und angetrunkene Jugendliche, die im, zu jedem Haus gehörenden Golfwagen versuchen, die ebenfalls zu den Häusern gehörenden Angestellten mit waghalsigen Manövern bei noch waghalsigeren 20 km/h zu erschrecken. Ein wunderbarer Kurzurlaub also, der mir mit der Bierdose in der einen und dem Lenkrad in der anderen Hand, einmal mehr vor Augen führte, wie sehr ich doch Autofahren vermisst habe :-).

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Verfasst von: drampf | September 5, 2009

Neokolonialismus im Schlafanzug

Bogotá, 5 de Septiembre 2009

Wieder wurde ein Abgeordneter, mit mehreren Millionen in Bar unter dem Kopfkissen, verhaftet, der ehemalige Chef des DAS, der kolumbianischen Version des FBI, wegen Verdachts auf Auftragsmord (an dem ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Galán) verfolgt und ganz nebenbei hat mein Arbeitsgeber die Basis für ein Referendum, das Uribe zur dritten Präsidentschaftsperiode führen könnte, mit nur fünf Gegenstimmen verabschiedet – das Einzige, was den obersten Volksführer jetzt noch davon abhalten kann (neben des Obersten Gerichtshofes), erneut die Verfassung zu ändern, ist die herbeigeeilte Vogelgrippe, die ihn im Moment in der Quarantäne festhält.

Und während sich vor meinem Büro ganz ruhig zwei Abgeordnete über ihre Erfahrungen mit Stimmenkauf austauschen und uns so manch einer neuerdings Neokolonialismus-Vorwürfe an den Hemdkragen heften will, sind es auch nur noch drei Wochen in meiner Funktion als „internationaler Berater des Senats“. Zwischen all den Terminen bei Botschaften und Universitätsrepräsentanten, sehe ich dabei mein eigenes Arbeitsfeld zunehmend im Weiterbildungssektor aufgehoben. Einmal abgesehen von dem bereits beschriebenen Klientelismusproblem, das beinahe einen 27jährigen zu unserem obersten Chef der Kongress-Administration gemacht hätte (Familienfreund eines Senators), werden doch immer häufiger Arbeitstaktiken aufgezeigt, die für mich und Ronan als Europäer nur schwer nachzuvollziehen sind. In der Zeit, in der ich mit anschauen muss, wie meine Chefin, stets gut gepudert aber selten ausreichend vorbereitet, zu von mir erarbeiteten Terminen eilt (wahrscheinlich das falsche Wort, wenn man die traditionelle Verspätung berücksichtigt) und nach der dritten Frage zu unserem Projekt meist schon keine Antwort mehr weiß, zeigt Ronan im Büro den Sekretärinnen ganz neue Welten auf, indem er ihnen den Selbsteinzug des Kopierers näher bringt. Nebenbei lernt inzwischen das gesamte Wachpersonal fleißig die deutschen Präsensregeln und mein englischer Nachmittags-Konversationszirkel ist auf vier Teilnehmer angeschwollen. Auch wenn es mir von einer Freundin dennoch pro forma vorgeworfen wird, nicht zu tun, versuchen wir, wie aufgezeigt also tatsächlich etwas zu verändern (im Rahmen unseres Programms zur Effizienzsteigerung der Institution). Zwar hatte der Gesetzgeber bei der Geburt von CAEL wohl andere Weiterbildungen im Hinterkopf, aber wie wir diese Woche feststellen durften, dabei nicht einmal an das Büro mit dem schönen Namen OATL gedacht, das sich bereits seit 2002 um etwa 70% der CAEL-Zielsetzungen kümmern soll. Beinahe ironisch klingt dabei die Tatsache, dass OATL im selben Gebäude, nur etwa zehn Meter neben unserem Büro eingerichtet wurde. Ganz nebenbei: Vom Obersten Gerichtshof  werden rund 20% der verabschiedeten Gesetze wieder zu Fall gebracht, weil sie so ähnlich bereits existieren.

Auch wenn ich diese Bestandsaufnahme noch endlos fortsetzen könnte, möchte ich abschließend doch noch auf das persönliche Highlight der letzten Wochen zu sprechen kommen – ein Wrestling-Kampf. Völlig unvorbereitet bin ich dabei mit zwei Freunden beim sonntäglichen Innenstadtbummel direkt an den Ring des „Mega-Events“ (immer sonntags um 3 Uhr nachmittags) herausgekommen. Während in den nächsten drei Stunden, eher kleine und schlecht trainierte Kolumbianer in SM-Schlafanzügen, gerne auch um die Nippel kreisrund ausgeschnitten, zu Boney M-Krachern übereinander herfielen, bestaunten wir ganze Großfamilien, die neben uns die Gladiatoren anfeuerten. 4jährige Kinder schreien dabei „Bring ihn um“. Die schon etwas älteren scheinen unterdessen schon mehr Erfahrung vorweisen zu können, und helfen den gerade aus dem Ring geschleuderten Helden gerne mit „Nimm den Stuhl“-Ratschlägen aus. Ich, in all diesem Trubel vor allem den Hund bestaunend, der einsam durch, wohl seine Halle streifte, musste dabei einmal mehr denken, dass zuviel Neokolonialismus gerade im Kulturbereich auch nicht das Wahre sein kann.

Verfasst von: drampf | August 20, 2009

Ohne Papier ausgeräuchert

Bogotá, el 20 de Agosto

Manchmal gibt es so viel zu berichten, dass man über Tage hinweg den Weg in ein neues Word-Dokument scheut. Ohne wirklich einen guten Einstieg in dieses Wochenresümee gefunden zu haben, nehme ich mir dieses Problem nun dennoch vor, um einer weiteren Themenakkumulation vorzubeugen.

Die Arbeit im Kongress geht wie gewohnt vonstatten. Noch immer lege ich pünktlich um 8 Uhr eine Englischstunde mit Jaime ein, bestelle täglich rund zehn Kaffees, und wenn es nur um das Bestellens willen ist und registriere erfreut Eigenarten des Kongresses. Die fesselndste Beobachtung war dabei wohl das kleine informelle Meeting mit einem hohen Funktionär der russischen Botschaft. Als eine der acht Personen, die sich engagiert an einen Vier-Mann-Konferenztisch quetschten, musste ich immer kleiner werdend mit anhören, wie meine werten Kollegen, die zugegebenermaßen nicht viel Erfahrung mit Protokollangelegenheiten haben, Mikael, den Russen, bei jedem grammatikalischen Fehler fast schon schreiend korrigierten, zehnmal das selbe fragten und zum guten Abschluss auch noch die engen Beziehungen von Russland zu Kuba, Venezuela und anderen „Schurkenstaaten“. als ganz klare Sache des Sozialismus kritisierten. Ein Glück verstand Mikael Spaß – mit russischer Hilfe für CAEL ist nun jedoch dennoch nicht zu rechnen.

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Das Kompetenzteam des Senats – Öffentlichkeitsarbeit auf der Internationalen Buchmesse

Zwischen all meinen Fortbildungen, Kontaktaufnahmen mit internationalen Hilfsorganisationen und Botschaften und verzweifelten Suchaktionen nach Klopapier – Kolumbien ist doch tatsächlich so arm, dass es nicht in der Lage ist, die Toiletten des Parlamentsgebäudes mit Klopapier zu bestücken (Die offizielle Erklärung ist, dass es aufgrund des ausufernden Hygieneartikelraubes in einem Gebäude zu dem lediglich höchste Funktionäre des Staates Zugang haben, den Verantwortlichen besser erscheint, jedem Boss einige Rollen zur Selbstverwaltung ins Büro zu stellen.) – schwebte mir letzte Woche außerdem eine interessante Einladung in den Handy-Posteingang. Um uns abschließend mit einem fechten Handschlag für unseren außerordentlichen Beitrag zum Wohlergehen des kolumbianischen Volkes auszuzeichnen, hatte Frank Pearl, mein ehemaliger Chef und oberster Friedensbeauftragter Uribes, das Technische Sekretariat des Cartagena DDR-Kongresses zu sich in den Präsidentenpalast geladen. Eine Stunde Sicherheitscheck, eine Stunde Warten um letztlich zehn Minuten mit Frank und einem weiteren Minister zu plaudern. Frank weiß nun alles über Stuttgart und ich bin mir darüber im Klaren, dass man dank der Instabilität der antiken Einrichtung, in diesen Räumlichkeiten besser nichts anfassen sollte. Gut das wir in Kolumbien sind, in Europa wäre ich nach der unbeabsichtigten Zerrlegung eines Metallaktenschrankes wohl vor die Tür gesetzt worden. So jedoch konnte ich unter den Augen der aufgeschreckten Bodyguards das Türchen wieder einhängen und mich von den qualitativen Unterschieden zwischen Präsidentenpalast und Kongress überzeugen. Im Gegensatz zu den Senatoren muss Uribe seine Klopapierrollen nicht selbst verwalten – ein weiteres Beispiel für die herausragend starke Stellung der Exekutive gegenüber der Legislative.

Ob Uribe dann am Freitag auch die chemische Ausräucherung aller Parlamentsgebäude, eine Maßnahme damit „die Ratten aus dem Kongress entfernt werden“, angeordnet hat, kann ich nicht abschließend bestätigen. Fakt ist jedoch, dass der oberste Führer und Lenker im Moment um eine Verfassungsänderung kämpft, die ein Referendum und hierüber eine dritte Amtszeit ermöglichen könnte. Das Klima zwischen Legislative und Exekutive ist also mehr als angespannt. Mir kann es jedoch egal sein und so nutzte ich den freien Nachmittag um meine erneute Flucht aus Bogotá vorzubereiten. Diese führte mich und Andrea (weitere Freunde kamen am Sonntag nach) von Samstag bis Montag nach Villeta. Warmes Klima, kühle Wasserfälle und viel Bier in Dorfkneipen – genau das Richtige um sich vom harten Politalltag zu erholen.

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Verfasst von: drampf | August 14, 2009

Korridore der Macht

Bilder aus dem knochenharten Politalltag Kolumbiens –  hier darf sonst keiner hin:

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Den besten Kaffee gibts immer noch bei den beiden Martas in der Kongress-Bibliothek

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Einmarsch in Bogotá – Pickelhauben im Einsatz

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Arbeitsalltag – Ronan, die neue französische Verstärkung und Vici

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Felipe Calderón auf Stippvisite

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Der Stolz des Landes – Plenarsaal des Senats

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Gerade noch Zeitungsausträger und schon Präsident des Repräsentantenhaus

Verfasst von: drampf | August 11, 2009

Klientelistisch und aufdringlich

Bogotá, el 10 de Agosto

Und so sitze ich nun, genau genommen sogar eben in diesem Moment, an einem der unzähligen Konferenztische, die sich in den kolonialen Prachtbauten rund um den Plaza de Bolivar verteilen, starre auf die riesige kolumbianische Flagge und versuche mich zu beschäftigen. Sollte man ein Praktikum im hiesigen Parlament mit einem Wort beschreiben, würde am ehesten „lässig“ zutreffen.

Pünktlich um 8 Uhr in einem, meiner zwei frisch gekauften Anzüge mit schlecht gebundener Krawatte am Montagmorgen in meiner Schaffensstätte eingetroffen, durfte ich als erste Lektion lernen, dass Pünktlichkeit in Kolumbien, wenn überhaupt, mit einem halbstündigen Gespräch mit dem wachhabenden Soldaten belohnt wird. Ich bin nicht nur der einzige Ausländer, der jemals im kolumbianischen Kongress gearbeitet hat, sondern, wie es scheint, auch der einzige pünktliche Mitarbeiter der Legislative. Nichts des zu Trotz habe ich mir dennoch vorgenommen weiterhin um 8 Uhr mit Jorge, dem Soldaten, sein Englisch auszubauen und dem eisernen, zuverlässigen und fleißigen Image zu entsprechen, das die Deutschen in lateinamerikanischen Korridoren der Macht noch immer zu genießen scheinen. Wie gut, dass die noch nie etwas von der 38-Stundenwoche gehört haben.

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Endlich in der Sección de Selección y Capacitación des Senats, meinem Spielraum für die nächsten sieben Wochen, in Empfang genommen, erkannte ich schnell weitere Eigenheiten der kolumbianischen Arbeitswelt. Egal ob Jorge, den wir bereits kennen gelernt haben, Jaimy, David, Amanda etc., meine Mitarbeiter, Manuel, der Sekretär des Kanzlers, Mauricio, der mir ein Visum für jedes Land der Welt besorgen kann oder Claudia, meine Chefin – irgendwie scheint man im Kongress Nachnamen gemeinsam mit den Ausweispapieren bereits  am Eingang abzugeben. Ich war nach weniger als fünf Minuten integriert, wusste, dass ich jegliches Gebäude auch unterirdisch durch Tunnel erreichen kann und lernte, wie ich übers Telefon in der Küche Kaffee bestelle. Klar, dass bei solch ausgetüftelter Infrastruktur ebenso rasant Zweifel an meiner Praktikantentätigkeit aufkamen. Wenn Margarita den Kaffee bringt, was bleibt denn dann noch für den Praktikanten?

Claudia fiel so einiges ein. Sowohl aufgrund meines Studiums, als auch meines Passes hatte sie mich ganz gezielt in ihren Stab aufgenommen. Eher beiläufig wurde mir bei einer „reúnion“ das Entwurfspapier für CAEL, ein Projekt, das langfristig die Einrichtung eines parlamentsinternen Forschungs- und Beratungsteams und die damit einhergehende Autonomie der Legislative vorantreiben soll, hingeworfen. Weiterbildung für Funktionäre also. Ich in meiner Eigenschaft als Deutscher, soll hierbei den Kontakt zur dt. Botschaft und GTZ (Gesellschaft zur Technischen Zusammenarbeit) herstellen und ausländisch Hilfe für die Umsetzung, an einen ,der vielen Edelholzverhandlungstische holen. Der Politologe hingegen, soll Themen für einen zu organisierenden Akademikerkongress aus der Weltpolitik filtern und berufungswerte Professoren suchen. Das Schöne an der Arbeit für Claudia ist die unendliche Freiheit, die man während der Umsetzung der Fernziele zugestanden bekommt. Der Stab setzt sich dabei aus Verwaltungsrechtlern, Psychologen, Sekretären und Anwälten zusammen. Jeder holt, je nach Themenbedürfnis, den entsprechenden Experten mit ins Boot und unterstützt im Gegenzug jeden der der noch einen Platz an der Rehling zu vergeben hat– für mich fällt dabei zusätzlich Englischnachhilfeunterricht für Claudia, die befreundete Ex-Konsuln in Serbien und Jorge an. Ein gutes Arbeitsklima also, auch wenn es gerade noch nicht viel zu tun gibt, da CAEL, ganz kolumbianisch, zwar bereits in den Köpfen der Verantwortlichen herumgeistert, jedoch weder die gesetzliche Grundlage, noch ein ernsthafter Wunschzettel für externe Hilfeleistungen vorhanden ist. Herzerwärmend an allem ist jedoch, dass ich zum ersten Mal seit Studienantritt das Gefühl habe, dass Politologen nicht nur zum Taxi fahren ausgebildet werden.

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Außerhalb der heilen Welt der Selección y Capacitación, bedarf es jedoch nicht einmal der, bereits angesprochenen fünf Minuten, um Missstände in der kolumbianischen Politiklandschaft aufzustöbern. Zwischen all den Manuels, Alexandros, Jorges und Doris’es findet man vor allem eins – Klientelismus. Die rund 2500 Mitarbeiter des Kongresses bilden dabei die wohl größte Familie des Andenstaates und eine wahre Parallelwelt. Umso beängstigender, da manche darunter die eigentlichen Lenker des Landes sind. Selbst als Neuling weiß ich nach nur einer Woche, dass ich bei Visaschwierigkeiten Mauriciol, bei Polizei-Angelegenheiten Alex oder Ärger bei der Ausreise Diego anrufen kann. Informell läuft hier so ziemlich alles ab. Ein Anruf, Mittagessen, Fincabesuch erspart viel Zeit und vor allem unbequeme Transparenz oder Kontrollmechanismen. Fragt man einen Funktionär: Alles halb so schlimm, schließlich kenne man ja den Vater des anderen – der hat hier auch schon gearbeitet. Und so gewann dann beim großen Konzert im Stadtpark, das zu Ehren aller hart arbeitenden Polizisten und Soldaten organisiert wurde, der Polizeigeneral selbst das teuerste von drei verlosten Autos und John, meinem äußerst aufdringlichen und nervigen Gönner, der mir diesen Job besorgt und damit mich in seine Schuld manövriert hat, wird beim Mittagessen eine Finanzhilfe von seiner, von den Franzosen finanzierten Hilfsorganisation, für die „so dreckige“ Küche der Privatschule, auf welche Manuels Kinder gehen, abgeschwatzt. Ich dachte bei dieser Unterhaltung still an die 30% der Kolumbianer, die weniger als einen Dollar pro Tag zur Verfügung haben (damit nach UNDP-Rechnung unter der Armutsgrenze leben),. An tausende von staatlichen Schulen, die Brennholz sammeln, um ihren Schülern über offenem Feuer wenigstens eine warme Suppe/Mahlzeit pro Tag zubereiten  zu können. Und an die rund 2500 Flüchtlingsfamilien, die gleich neben dem Kongress in einem Park unter Plastikplanen vor sich hinvegetieren. Alles was der politischen Großfamilie hierzu bis dato eingefallen ist, ist ein, das Camp abschirmender Sichtschutzzaun. Man weiß nicht so genau, wer dabei eigentlich vor wem geschützt werden soll – die Flüchtlingsfamilien vor der Polizeihundertschaft (es gab bereits drei Vergewaltigungsfälle, in welchen sich die Freunde und Helfer an Kindern vergangen haben) oder die bogotanische Oberschicht vor dem beschämenden Resultat des eigenen Konfliktes. Zu letzterem sollte man wohl noch anfügen, dass im Moment gegen rund ein Drittel der Abgeordneten, wegen Verbindungen zu Paramilitärs, von denen bekanntlich 70% der Menschenrechtsverletzungen begangen werden, ermittelt wird. Ironie oder einfach nur traurig?

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Verfasst von: drampf | August 2, 2009

Seele verkauft, dafür zwei Anzüge im Schrank

Bogotá, 1 de Agosto 2009

Stillstand ist der Tod, geht voran bleibt alles anders – das Motto, das Herbert Grönemeyer so aufopferungsvoll besingt, sollte in dieser Woche auch mich aus meinem Nichts-Zu-Tun-Haben-Loch befreien. Spontan packte ich meinen Rucksack und versuchte über Chiquinquirá, dem wichtigsten Wallfahrtsort Kolumbiens, in die, gerade auch aus politikwissenschaftlicher Sicht so interessante Region der Esmeralderos (Smaragdverkäufer, -sucher und -spekulanten) vorzudringen. Leichter gedacht als getan, da die Nebelwaldhänge rund um Muzo neben der Parallelgesellschaft, die sie beherbergen, auch gerade dafür bekannt sind, dass sie traditionell von jeglicher Art staatlicher Organisation vernachlässigt werden. Straßen gibt es kaum, fließend Wasser nur selten und Polizisten gar nicht. Die aus einem bunten Sammelsurium von Glücksjägern, welche Chiquinquirá verlassend spätestens nach der ersten Kurve ihre Handfeuerwaffen wieder gut sichtbar in den Hosenbund stecken, bestehende Gesellschaft regelt wie schon vor 300 Jahren ihre Konflikte selbst. In den so genannten Grünen Kriegen wurden dabei Hierarchien neu definiert. Straff paramilitärisch und neopatrimonialistisch organisiert, wird rund um Muzo so haarklein darauf geachtet, dass kein, nicht zur großen Familie gehörender Fremder auch nur einen Fuß hinter die Ortsgrenze, in Richtung der Minen setzt – egal ob es sich dabei um Guerrillaeinheiten, Drogenkartelle oder einfache Touristen handelt. Aber gut, zumindest war mein Hotel billig, das Klima heiß und die Jeepfahrt aufregend.

Ohne also einen grünen Stein vor die Linse bekommen zu haben, kehrte ich bereits am Dienstag in die Hauptstadt zurück, assistierte in einer weiteren, fast schon zum Alltag gewordenen Abschiedsfeier und stieß am Donnerstag überraschend doch noch auf meine ganz persönliche Glücksader. Oder sollte ich lieber sagen, Möglichkeit meine Seele zu verkaufen!?! Alles fing mit einer harmlosen Einladung zu einer Parlamentsbesichtigung, ausgesprochen von einem lediglich über fünf Ecken bekannten Kumpel, an. Drei Besuche in verschiedenen Büros des Kongresses, unendlich viele geschüttelte Hände und einige Biere später, fand ich am Freitag bei unserem allwöchentlichen deutsch-mexikanisch-französisch-kolumbianischen Kochabend Parlamentarier am Esstisch vor und mich am Samstag in Kleiderläden wieder, um für Montag 8 Uhr Anzüge aufzutreiben. Zugegebenermaßen habe ich keinen leisen Schimmer von den Aufgaben, die dort am Montagmorgen auf mich warten, aber ohne groß darüber nachdenken zu können, arbeite ich jetzt wohl für eine Abteilung des Kongresses, die sich, soweit ich das beim flüchtigen Kennen lernen meiner zukünftigen Chefin herauszuhören vermochte, wie es scheint um die diplomatischen Beziehungen zu den Botschaftern und Abgeordnetenaustausch kümmert. Alles in Butter möchte man meinen, und mein gesunder Menschenverstand tendiert auch stark in diese Richtung, wenn da nicht das stechende Gefühl wäre, dass ich meinen etwas anstrengenden Gönner John, der einer Parlamentarierfamilie angehört, in den nächsten zwei Monaten wohl nicht mehr los werde und keinen noch so blöden Empfang abschlagen kann.

Verfasst von: drampf | Juli 26, 2009

Die unglaubliche Schwierigkeit des Einfach-Nur-Seins

Bogotá, 26. de Julio 2009

Nach einer Woche in meinem alten Kaminzimmer des kolonialen Reihenhauses und insgesamt bereits zwei Wochen zurück in Bogotá, muss ich an dieser Stelle meinen Hut vor all den Arbeitslosen, Arbeitssuchenden und Arbeitablehnenden ziehen. Freizeit – was man sich gerne so einfach und erstrebenswert vorstellt, kann sehr schnell ins Gegenteil umschlagen. Vor allem wenn man der einzige „Glückliche“ diesbezüglich ist. Zum ersten Mal seit rund zwei Jahren habe ich Nichts zu tun. Keine Vorlesungen, keine Pflichtlektüre, keine Hausarbeiten, keine Reise, nicht einmal Häuser werden gebaut. Während sonst beim Ausspannen immer anstehende und zu erledigende Dinge in meinem Kopf herumgeistern, ist die einzige Frage, die bei mir im Moment auf dem Balken über dem Hypothalamus tänzelt, wo ich die nächste Staffel von Friends auftreiben kann. Und so saß ich diese Woche in meinem Bett, arbeitete bis dato die Friends-Episoden 1 bis 40 ab, kaufte wie ein Irrer Brennholz, besuchte die Andy Warhol-Ausstellung (zwei Mal) – für alle die fragen: es verändert sich nichts über Nacht in Museen), wartete auf die Unterhaltung durch Freunde, die alle viel mehr zu tun haben als ich, und schleppte mich nach langer Zeit wieder einmal ins Fitnessstudio. Nun kann man nicht sagen, dass es langweilig wäre, aber doch ein komisches Gefühl, welches ich glaube nicht länger als einen Monat durchstehen könnte. Damit gebe ich zurück ins verregnete Deutschland und mache mich bereit für das zweite Kaiserschmarrn-Kochen binnen drei Tagen. Auch wenn die Latinos für diesen Genuss noch immer nicht bereit zu sein scheinen und die süddeutsche/austriakische Spezialität, wie beim letzten Versuch vor drei Jahren in Ecuador, wieder nicht als vollwertige Speise durchgeht (es fehlt einfach der Reis), stößt der Schmarrn doch langsam auf eine Art Wertschätzung  – zumindest als Nachtisch. Ich bleibe dran!

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Verfasst von: drampf | Juli 20, 2009

Preußische Pickelhauben in Bogotá – Nachrichtenspiegel

Bogotá, el 20. de Julio

Vier einsame Nächte in billigen Hotels, ein Ausflug zur größten Lagune Kolumbiens (Laguna de la Concha) und eine weitere Einreise nach Ecuador später, hatte ich es dann doch noch nach Bogotá zurückgeschafft. Inzwischen blieb das Zeitgeschehen in meinem temporären Heimatland keinesfalls stehen. Ohne mein Zutun hatte eine nun todgeweihte Person vergeblich versucht Victor Carranza, den wohl mächtigsten Mann der kolumbianischen Schattenwirtschaft, wichtigster Patron der Smaragdbranche, Privateigentümer der halben Llanos Colombianos und Persönlichkeit, die in so ziemlich jedem dreckigen Geschäft der letzten 40 Bürgerkriegsjahren (vor allem bei der Bildung von paramilitärischen Einheiten) seine Finger mit im Spiel hatte, umzubringen. Der Hinterhalt zwischen Villavicencio und Puerto Lopéz hinterließ dank großzügigem Raketen- und Maschinengewehreinsatz einige tote Bodyguards und einen unglaublich wütenden 74jährigen Don Victor, der seine Privatarme nun wieder einmal in Marsch setzen wird – es stehen blutige Zeiten in den Llanos bevor. Nicht so glücklich wie Carranza kam hingegen eines der noch lebenden Nilpferde Pablo Escobars davon. Während der goldenen Zeiten des Cartel de Medellín aus ihrer angestammten Heimat in Afrika in die immense Finca „Napoles“ des Drogenbarons deportiert, vermehrten sich die Dickhäuter dort fleißig und bildeten die erste südamerikanische Nilpferdpopulation. Ein geschichtsträchtiger Event, der, wie auch der, vor allem von Taxifahrern durch den Dauereinsatz von Best-Of-CDs beklagten Tod Michael Jacksons, nur noch von der feigen Liquidierungsaktion des kolumbianischen Militärs aus den Nachrichtenspalten verbannt wurde. Ohne wirklich Gründe zu nennen, wurde dem friedlichen Fincabewohner doch tatsächlich ein Kopfschuss in die Stirn gedrückt. Die kolumbianische Öffentlichkeit reagierte sofort, organisierte Protestmärsche und selbst Nachbarländer kritisierten die Administration aufs Schärfste. Was rund 3000 Tote pro Jahr nicht schaffen, bringt also ein kreolischen Flusspferd innerhalb eines Tages zu Stande – ein irgendwie etwas absurder Märtyrer, der einmal mehr aufzeigt, wie ein Bürgerkrieg zur Gewohnheit werden kann.

Ebenfalls bereits zur Gewohnheit geworden, ist die Kritik Uribes an seinem Kollegen Correa. Neu hingegen ist, und das könnte dem ecuadorianischen Präsidenten durchaus das Genick brechen, dass die unterstellten Verbindungen zwischen dem kleinen Nachbarstaat und den FARC nun auch durch ein von AP veröffentlichtes Video des FARC-Führers Mono Jojoy belegt werden. Correa soll demnach einige Tausend Dollar Wahlkampfspenden für seine erste Kampagne erhalten haben, was für die Kolumbianer die Inkompetenz des ecuadorianischen Militärs bei der Ausschaltung von FARC-Stellungen in der Grenzregion erklärt. Ganz populistisch reagierte Correa mit Offensive und bot Uribe einen öffentlichen Auftritt mit Lügendetektoren an, bei welchen sie dann über persönliche Verbindungen zur FARC, aber auch zu Drogenkartellen und Paramilitärs sprechen könnten. Eine hochinteressante Entwicklung also, die in dt. Medien im Erdrutsch von Nachterstedt unterging.

Neben der eben aufopferungsvoll zusammengefassten Nachrichtenaufarbeitung, widmete ich mich während meiner ersten Woche zurück in Bogotá dem Tagesgeschäft eines heimat- und arbeitslosen Gaststudenten. Ich schrieb Bewerbungen und absolvierte Vorstellungsgespräche, um irgendwie das klaffende Loch bis zu meiner Rückreise im Oktober zu füllen (das Problem ist jedoch, dass die Mindestdauer für Praktika bei drei Monaten liegt), suchte nach einer Wohnung und pflegte eingestaubte soziale Kontakte. Die Wohnung war schnell gefunden, die Praktika präsentieren sich gewohnt als schwer zu finden und die sozialen Kontakte nahmen mich anstandslos als Gast für eine Nacht auf. Und so sitze ich nun vor dem Fernseher, scheue zu wie erneut Panzer durch die Innenstadt rollen (diesmal aus Anlass des Unabhängigkeitstages) und weiß zu berichten, dass die Präsidentengarde preußische Uniformen aus dem 19. Jahrhundert trägt – wenn das meinen ehemaligen Geschichtslehrer nicht mit der Zunge schnalzen lässt, dann weiß ich auch nicht mehr.

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