Bogotá, el 6 de octubre
Als nach nur 78 Minuten bereits erneut das Sitzgurtzeichen aufblinkte und sich die Boeing langsam senkte, musste ich an die 24 Busstunden denken, die ich mir in diesem Flugzeug erspart hatte. Für einen echten Schnäppchenpreis (wahrscheinlich sogar billiger als der Bus) tauschte ich den serpentinenreichen Abstieg von der Ostkordilliere, die heiße Durchquerung des Magdalena-Tals, den mühsamen Aufstieg zur Zentralkordilliere und die endlosen, immergleichen Stunden in der Küstensavanne gegen einen gemütlichen Tag in meinem so lieb gewonnenen Cartagena ein. Diesmal wieder ohne staatlich gesicherten Whirlpool auf dem Dach und Spesenfond im Rücken checkte ich, wie schon bei den ersten beiden Cartagena-Besuchen, im (Jessi möge es mir verzeihen) „Nutten-und-Drogen-Viertel“ ein und genoss das einzigartige Ambiente der Stadt, die milde, nächtliche Hitze und ein kühles Bier auf der Stadtmauer. Das alte Handwerkerviertel, das sich hinter Jessis liebevoller Umschreibung verbirgt, begeisterte dabei einmal mehr mit seiner gelebten karibischen Kultur: Während aus benahe jedem der bunt angestrichenen Kolonialhäuschen der unverwechselbare Monosound der Salsa, Cumbia oder Merengue ertönt, treffen sich die Einwohner nachts laut lachend und gemächlich auf ihren Schaukelstühlen wippend auf den kleinen Straßen, spielen Domino, rauchen eine Zigarre und schreien im Stile einer italienischen Matrone zum Nachbarn hinüber, um sich nach dem Wohlergehen der Nicht-Zuhausegebliebenen zu erkundigen. Würde mich jemand nach dem charakteristischsten Merkmal der Karibik fragen, würde ich ihm genau diese Szenerie beschreiben.

Meerschweine
Mit drei deutschen Romanen, die ich durch eine glückliche Fügung in den Second Hand-Buchbretterbuden in Cartagena entdeckt hatte, und etwas Wehmut im Gepäck, ging es im Anschluss rund drei Stunden nach Süden, um vom kleinen Küstenörtchen Tolú und mit Kollaboration der hiesigen Fischer nach weiteren Charakteristika zu suchen. Für umgerechnet zehn Euro nahm mich am nächsten Tag schließlich ein Schnellboot auf das angepeilte Archipel San Bernardo ( http://ecoeducar.com/Images/archipielago.jpg ) mit und, und darum ging es ja, versprach mich auf einer der etwa 20 kleinen Inseln für die nächsten Nächte auszusetzen. Obwohl die meisten der Eilande dabei vollgepackt sind mit 5-Sternehotels oder Privatanwesen reicher Kolumbianer, fand ich dennoch schnell ein winziges zivilbewohntes Paradies – Mucura. Täglicher Touristeneinfall von 11 bis 3 Uhr an Strand 1, sieben stationierte Marinesoldaten, einige im Salzwasser spielende Hausschweine, ein kleines Siedlungsgebiet und verdammt viel Ruhe. Nach nur fünf Minuten durch die Mangroven, lässt man die Tagestouris hinter sich, durchquert noch schnell das kleine Bretterdörfchen und zwei Knoten später hängt man mit seiner Hängematte im Tropenparadies. Was in deutschen Katalogen für über 1000 Euro angepriesen wird, bekommt man in Kolumbien für zehn Euro Anfahrtskosten.

In den nächsten fünf Tagen feierte ich so meinen Abschied von diesem wunderbaren Land. Die wenigen Einwohner wurden schnell zu Freunden, die Marinesoldaten schauten jeden Morgen nach meinem Wohlergehen und Juan, der Inselrastafari kam allabendlich auf einen kleinen Philosophie-Zirkel an meiner Hängematte vorbei. Immer breit grinsend erklärte er mir dabei, wie er mit Korallen und ihren „Polymeren“ (ohne ein Experte in diesen Sachen zu sein, denke ich doch, dass er da bei der Wortfindung im Drogenrausch einige Seiten im Duden übersprungen haben muss) über die Probleme der Menschheit debattiert. Eben diese fundamentalen Probleme beschränken sich auf Mucura vor allem auf, „wie bekomme ich den Tag rum“. Man sitzt von morgens bis abends vor dem Haus, schaut zu, wie das kristallklare und azurblaue Meer langsam immer mehr Korallenkalksteinbrocken aus dem eigenen Lebensraum bricht, um der Insel so etwa vier Quadratmeter pro Jahr abzulutschen, und wartet bis die ausgelegten Netze mit genügend Nahrung für das Abendessen gefühlt sind. Ganz wie in den klischeebehafteten Dokus über Jamaika, zieht sich dabei stets ein breites Grinsen von einem Ohr zum anderen, was auf Mucura wohl weniger an den konsumierten Kräuterchen, als an dem Kuriositätenkabinett am Horizont liegen mag. Ruhig im warmen Wasser treibend, lässt schon ein kleiner Blick gen Osten jegliche Tristes verschwinden. Zwischen Mucura und der größeren Insel Titipan fällt der Blick nämlich auf die absurdeste Sache, die ich im, an Kuriositäten nicht gerade armen Südamerika vor die Linse bekommen habe. Auf nur 1200 Quadratmeter, beheimatet Santa Cruz del Islote ganze 1600 Einwohner ( http://ecoeducar.com/Images/santa_cruz_del_islote.jpg ). Von weitem betrachtet, drängt sich automatisch der Vergleich mit Waterworld auf – steht man aber schließlich auf der „Hauptstraße“ der Archileshauptstadt, die sich mit einer beeindruckenden Breite von zwei bis drei Metern durch das Eiland zieht, fällt es jedoch unmittelbar und aufgrund des unglaublichen Lärmpegels, hervorgerufen von rund 400, um einen herumtanzenden Kindern, schwer überhaupt noch einen anderen Gedanken als „OHH mein Gott“ zu fassen. Auf die Frage, wieso sich all diese Leute auf diesen kleinen Felsen drängen, und dies schon seit 303 Jahren, bekommt man stets die Antwort „Das ist die Hauptstadt. Jeder will in der Hauptstadt wohnen“ – einleuchtend, zumindest wenn man mit Polymeren im Dialog steht.

Ich für meinen Teil traf stets pünktlich um 10 Uhr zu meiner Sprechstunde am Touristenstrand ein, setzte mich auf meinen, für mich reservierten Plastiksessel und lass meine Bücher. Nicht selten kamen auch Mitbewohner, um sich mit der weis(s)en Eminenz zu unterhalten oder, und dies war wirklich unglaublich, die Ankunft eines anderen Deutschen zu verkünden. „David, da kam einer an, der dich sucht…“. Auf irgendeiner Party einmal kurz von meinem Aussteigerplan erzählt, und schon steht ein Hamburger Kumpel mit seiner Hängematte über der Schulter und, den Blick auf Islote gerichtet, einem breiten Grinsen im Gesicht vor mir – die Welt kann so klein sein.

Juan und Chris
Flächendeckend verstochen, dafür aber braungebrannt und, vor allem mit der Erinnerung an Islote, glücklich, bin ich nun wieder in Bogotá eingetroffen, kaufe noch immer Mitbringsel, hetze noch immer von einer Verabschiedung zur nächsten und versuche mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass ich bereits am Samstag wieder im kalten oktobergeplagten Deutschland sitze. Bis die Tage dann…

The End





















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